Zypern 2019

Am einem Mittwochmorgen im November 2019 besuchten wir die BSBJ-Berufspraktikantin Raphailia in ihrer zyprischen Praktikumseinrichtung „SKE Ergates“. Sie befindet sich im Dorf Ergates, etwa 17 Kilometer entfernt von Zyperns Hauptstadt Nikosia. Sie umfasst eine Hortgruppe, eine Krabbelstube sowie zwei Kindergartengruppen (2-3 jährige und 3 - 4;8 jährige), die weitgehend geschlossen arbeiten. Raphailia arbeitet schwerpunktmäßig in der Gruppe der 3-4;8 jährigen Kinder. Insgesamt besuchen 53 Kinder die Einrichtung. Sie hat montags bis freitags von 7.00 -17:00 Uhr geöffnet und ist eine gemeinnützige Einrichtung. Das bedeutet, dass sie dem Ministerium für Arbeit, Wohlfahrt und Sozialversicherung untersteht und nicht dem Ministerium für Bildung und Kultur, wie die öffentlichen Einrichtungen. Im pädagogischen Institut war am Vortag betont worden, dass gemeinnützige Einrichtungen auf Zypern in erster Linie einen Betreuungsauftrag hätten. Im Gegensatz zu öffentlichen Einrichtungen sind gemeinnützige Einrichtungen in der Regel auch ganztags geöffnet.
Wir wurden von Raphailias Kolleginnen sehr freundlich begrüßt. Zum Empfang sang Raphailias Kindergruppe im Stuhlkreis ein Lied für uns. Alle Kinder sollten sich im Anschluss namentlich vorstellen; dies fiel unserem Eindruck nach nicht allen Kindern der Gruppe so leicht; wir waren irritiert darüber, dass sie dennoch wiederholt dazu aufgefordert wurden. Im Anschluss zeigte uns Raphailia die Räumlichkeiten und stellte uns im Zusammenhang damit den Tagesablauf der verschiedenen Gruppen vor. Der so genannte „lehrreiche Teil“ (Unterricht) umfasst in dieser Einrichtung einen wesentlichen Teil des Vormittags. An den Wänden wurde dies dokumentiert durch verschiedene „Wochenthemen“ (z. B.  Familie, Landwirtschaft, Mädchen und Jungen, Pflege, siehe auch das Foto unten …). Raphailias Anleiterin, Frau Eleni Simeou, erklärte uns, dass sie großen Wert lege darauf, Inhalte des Vorschulcurriculums umzusetzen; auch wenn eine gemeinnützige Einrichtung anders als eine öffentliche Einrichtung dazu nicht verpflichtet sei. Wir waren beeindruckt, dass die Erzieherinnen viele der Materialien für den lehrreichen Teil während der Schlafzeit der Kinder (ab13:00-15:00 Uhr für alle Kinder, außer den Hortkindern) selbst herstellen. Weitere  Aspekte des Tagesablaufs sind das meist eher gelenkte Spiel sowie Fernsehzeiten, insbesondere eine Stunde vor dem Abholen. Die lehrreiche Zeit findet vorwiegend im
Stuhlkreis und an den Tischen statt. Auf dem
Boden wird selten gespielt, sondern vorwiegend an den Tischen. Das Spiel im Freien ist in der Regel nur morgens vor Beginn der lehrreichen Zeit vorgesehen.
Im Anschluss an den Rundgang besprachen wir mit Raphailia und Frau Simeou den Individuellen Ausbildungsplan. Raphailia hatte bereits vor Beginn ihrer Ausbildung in Zypern den Ausbildungsplan für Frau Simeou in die griechische Sprache übersetzt. Auf dieser Grundlage konnten wir sehr gut in einen fachlichen Austausch über Raphailias Ausbildungsstand treten, unterstützt natürlich durch Raphailias Übersetzungshilfe.
Nachdem wir uns gegen 13 Uhr verabschiedet und für die besondere Gastfreundlichkeit bedankt hatten, fuhren wir mit Raphailia zur russischen Kirche in Tamassos, die ganz in der Nähe der Einrichtung liegt. Raphailia erzählte uns, dass der Platz rund um die russische Kirche einer der wenigen öffentlichen Treffpunkte in der dörflichen Umgebung sei. Wir fanden dort Gelegenheit für eine Nachbesprechung des Praxisbesuchs und um offene Fragen zu anstehenden Aufgaben im Rahmen der Ausbildung zu besprechen.
Im Anschluss fuhr uns Raphailia zurück nach Nikosia und verabschiedete sich dort. Wir nutzten den Nachmittag, um die Grenze zum nördlichen Teil von Nikosia zu passieren und dort die Altstadt und insbesondere eine architektonisch interessante Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert zu besichtigen.
Am Donnerstagmorgen fuhren wir mit dem Auto nach Limassol. Dort besuchten wir die private Kindertagesstätte, Vor- und Grundschule „Kryfo Scholio“. Träger der Einrichtung ist eine griechisch-orthodoxe Gemeinde in Limassol. Bereits bei der Anfahrt waren wir beeindruckt von der Lage der Einrichtung auf einer Anhöhe in Limassol. Vom Außengelände aus hat man einen freien Blick auf das in der Ferne gelegene Meer. Die Leiterin der Schule, Panayiota Schofiled, begrüßte uns sehr herzlich. Die Einrichtung umfasst mehrere Kindergarten-, Vorschul- und Grundschulklassen. In der Regel werden in einer Klasse etwa 25 Kinder von einer Lehrkraft und einer*m Assistent*in betreut. Zudem arbeiten weitere Lehrkräfte in der Einrichtung, die für spezifische Fächer wie Gymnastik oder Altgriechisch zuständig sind. Die Einrichtung hat ganztags geöffnet und finanziert sich zu einem großen Teil über Spendengelder. Wesentliche Elemente im Tagesablauf der Vorschul- und Kindergartenkinder sind das Freispiel, Unterrichtsstunden, das Spiel im Freien sowie die Schlafzeit. Grundsätzlich orientiert sich der Unterricht an den staatlich vorgegebenen Curricula. Darüber hinaus werden Inhalte wie „traditionelle Tänze“, „emotionale Intelligenz“ oder „neue Medien“ aufgegriffen. Wir fragten Frau Schofield, was den Kern ihrer Arbeit ausmache. Sie legte großen Wert darauf, dass das Fundament ihrer Arbeit die liebende und vertrauensvolle Grundhaltung der Mitarbeiter*innen sei. Diese zugewandte Haltung vermittelte sich uns über den gesamten Vormittag hinweg und bei allen Aktivitäten, bei denen wir die Kinder und die Mitarbeiterinnen begleiten durften. ​
Die Einrichtung arbeitet projektorientiert. Bei unserem Besuch konnten wir mehrere Aktivitäten und Impulse zum aktuellen Projektthema „Oliven“ direkt miterleben (siehe den oben abgebildeten Tisch). Sehr beeindruckt waren wir von der Demonstration der Herstellung eines Olivenbrotteigs, die im Freien stattfand und von etwa 50 drei- bis fünfjährigen Kindern gleichzeitig mit offenbar großem Interesse und ausgeprägter Konzentration verfolgt wurde (siehe Bild).
Später durften wir dabei sein, als die Kinder in Kleingruppen beim Kneten des Brotteigs selbst aktiv werden konnten.  
Frau Schofield erzählte uns von einem weiteren grundlegenden Element der pädagogischen Arbeit: Regelmäßig stattfindende Campingfreizeiten, an denen alle Kinder ab der Vorschulklasse teilnehmen können. Sehr begeistert sprach sie über die „Entwicklungssprünge“, die die Kinder in vielen Bereichen durch diese Freizeiten machen könnten. Dies treffe sozusagen auch auf die Eltern zu – sowohl, wenn sie die Kinder begleiteten, als auch wenn sie sich zu Hause darin übten, auf die Kräfte der Kinder in der Natur  zu vertrauen. Neben diesen Campingfreizeiten werden zahlreiche weitere Aktivitäten angeboten, bei denen sich die Eltern einbringen können bzw. bei denen sie einbezogen werden. Im Rahmen des Projektthemas „Italien“ beispielsweise wurde ein Abend veranstaltet, an dem die Kinder die Eltern im eigens dafür eingerichteten „Restaurant der Schule“ verwöhnten.
Wir nahmen viele fachliche Anregungen mit von diesem Besuch und  waren sehr dankbar für die große Gastfreundschaft und die sehr großzügig gewährten Einblicke in die pädagogische Arbeit vor Ort.
Am Nachmittag erkundeten wir die Altstadt sowie den alten Hafen und den Uferpark von Limassol. Zurück in Nikosia ließen wir den letzten Abend gemeinsam mit Raphailia im Piatsa Gourounaki bei einem wohlschmeckenden griechischen Abendessen ausklingen.
Am Freitag wurden die Koffer gepackt und letzte Rücksprachen bezüglich der von Lufthansa wegen eines Streiks  umgebuchten Flüge getroffen. Raphailia holte uns am späten Vormittag ab. Sie hatte für diesen letzten Tag einen Überraschungsbesuch im Familien- und Freizeitpark in Mazotos geplant. Besonders begeisterten uns dort die Kamele und die Riesenschildkröten. Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen fuhren wir zum Flughafen. Gegen 20 Uhr waren wir in München. Von dort aus ging es aufgrund des Streiks weiter mit dem Zug. Um 3:00 Uhr nachts kamen wir in Frankfurt an – müde, aber um viele spannende Erfahrungen, fachliche Anregungen und herzliche Begegnungen reicher.